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LenaLeaks: Wer hat strafrechtlich was zu befürchten?

Man kommt um die Erpressung von Lena Meyer-Landrut mit Nacktfotos in den letzten Tagen einfach nicht herum – die Medien sind voll mit dem Thema. Es stellt sich die Frage, was schlimmer ist: die Veröffentlichung der Fotos in irgendwelchen Internetforen oder der Medienhype darum. „Bild plus“ verkauft mit Sicherheit jede Menge ihrer Abos mit den News, die keine sind, denn genaues weiß man nicht. Angeblich hatten dessen Reporter Kontakt zu dem Erpresser und haben das Material samt der E-Mail Kontaktadresse der Staatsanwaltschaft Berlin übergeben.

Was hat der LenaLeaks-Erpresser zu befürchten?

Der Erpresser soll die Fotos auf einem MacBook „gefunden“ haben, welches er gebraucht gekauft haben will. Dieses soll aus einem Diebstahl stammen, das Unbekannte aus dem Auto von Lenas Freund entwendet haben sollen. Der Erpresser muss somit nicht notwendigerweise auch der Dieb sein, könnte aber wegen Hehlerei zu bestrafen sein, wenn sich herausstellt, dass er wusste, dass es sich um Diebesgut handelte. Zu denken ist auch an Datenhehlerei, § 202d StGB.

Im eben angeführten Medium kann man nach entsprechender Bezahlung lesen:

„Fakt ist: Dem bislang unbekannten Täter droht eine empfindliche Strafe, u. a. wegen Erpressung.“

Aber ist das wirklich so? Für Erpressung, geregelt in § 253 StGB, sieht das Gesetz eine Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren oder Geldstrafe vor. Nach allem, was nun aus den Medien bekannt ist, wurde es abgelehnt, Geld an den Erpresser zu zahlen. Es würde sich demnach nur um eine versuchte Erpressung handeln, weshalb die Strafe gemäß § 23 StGB in Verbindung mit § 49 Abs. 1 StGB gemildert werden kann. Sollten mehrere Personen (mindestens drei) hinter der Erpressung stecken, käme allerdings ein besonders schwerer Fall in Betracht.

Natürlich kann keine konkrete Strafe vorhergesagt werden: Eine Geldstrafe dürfte zwar sicher ausscheiden, aber ob wirklich eine Freiheitsstrafe von mehr als zwei Jahren verhängt werden wird, die nicht zur Bewährung ausgesetzt werden kann, ist auch bei einem Erwachsenen keineswegs sicher. Handelt es sich etwa um einen Jugendlichen oder Heranwachsenden von unter 21 Jahren, ist durchaus eine vergleichsweise milde Jugendstrafe denkbar. Entscheidend dürfte sein, wieviel Geld er erpressen wollte und wie er genau vorgegangen ist.

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Lena Meyer-Landrut bei ihrem letzten öffentlichen Auftritt vor einer Woche Foto: Raimond Spekking (CC BY-SA 4.0)

Welche Strafe droht für die Veröffentlichung der Nacktfotos?

Die Veröffentlichung von Fotos, die den „höchstpersönlichen Lebensbereich“ verletzen, ist nach § 201a StGB strafbar. Allerdings wurden die Fotos nicht unbefugt hergestellt, wie § 201a Abs. 1 Nr. 1 StGB fordert, sondern befugt mit dem (früheren) Einverständnis der abgebildeten Person oder durch sie selbst. Allerdings wird das Zugänglichmachen von befugt hergestellten Fotos nach § 201a Abs. 1 Nr. 4 StGB mit Freiheitsstrafe bis zu zwei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft. Klingt an sich jetzt recht harmlos, man muss sich aber vergegenwärtigen, dass jede einzelne Veröffentlichung eine neue Tat darstellt und sich eine beachtliche Anzahl von Einzeltaten ergeben dürfte, wenn der Erpresser jeden Tag ein paar Fotos veröffentlicht. Jede Einzeltat wird mit dem erwähnten Strafrahmen geahndet, wobei aus diesen eine Gesamtstrafe gebildet wird.

Und alle anderen?

Jeder, der die Fotos veröffentlicht oder weiterverbreitet, macht sich nach § 201a Abs. 1 Nr. 4 StGB strafbar. Ausreichend ist schon das Versenden eines einzigen Bildes per WhatsApp an nur eine andere Person oder natürlich an eine Gruppe von mehreren Personen. Die Strafe dürfte in einem solchen Fall recht niedrig ausfallen, wenn sie überhaupt verfolgt wird. Erstattet aber der Empfänger oder jemand, der das mitbekommt, Strafanzeige, wird diese auch von der Polizei und Staatsanwaltschaft verfolgt werden. Auch nicht unwichtig zu wissen: Der Bildträger, etwa das Smartphone, kann eingezogen werden und würde dem Eigentümer nach dem Verfahren nicht wieder ausgehändigt werden. Und ja, das gilt auch, sollte das Foto sofort gelöscht worden sein, sofern es gelingt, dieses wieder herzustellen. Hinzu kommen enorme Kosten für einen Sachverständigen, dessen sich die Staatsanwaltschaft für die Auswertung bedient.

Und das bloße Anschauen der Fotos?

Der bloße Konsum, also das Ansehen der Fotos im Internet ohne sie selbst irgendwie weiterzugeben, ist straflos. Ob das moralisch in Ordnung ist, muss jeder für sich selbst beurteilen.

Ein Rat zu guter Letzt: Jeder Datenträger, auf dem solche privaten Fotos gespeichert werden, sollte mit einem sicheren Passwort verschlüsselt werden, um nicht selbst in diese Situation zu geraten. Außerdem sollte darauf geachtet werden, dass kein automatischer Upload in die Cloud (iCloud, Google Fotos, Dropbox) erfolgt, wo diese Fotos dann wiederum potentiell unsicher sind. Es ist dringend zu raten, rechtzeitig professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen.

Nachtrag: Völlig unklar ist, warum ein Rückkauf des MacBook bisher nicht erfolgreich realisiert werden konnte. Der Erpresser hatte diesen dem Management angeboten. Da es dem Erpresser „nur ums Geld“ gehen soll, wäre das eine erfolgversprechende Option, die Veröffentlichungen zu stoppen. Vielleicht gibt es hier ja auch bald einen Erfolg zu vermelden.


Wenn das die RichterInnen von morgen sind …

Wenn Alice Schwarzer einen juristisch angehauchten Vortrag zum Thema „(Sexual)Gewalt gegen Frauen und Recht“ an der Universität Köln hält, darf man wohl nicht allzu viel erwarten. Oder: Man muss sich auf einiges gefasst machen. Und so referierte sie auf Einladung der Kölner Strafrechtsprofessorin Elisa Hoven munter über eine „Männerjustiz“ und Vergewaltigung als heute angeblich quasi straffreies Verbrechen.

Diese These sollten vermeintlich stichhaltige Zahlenspiele untermauern, die nun seit etwa zwei Jahren immer wieder durch die Presse geistern, aber dennoch nicht wahrer werden. Die Dunkelziffer ist nach Schwarzer so hoch, dass überhaupt nur jede zwölfte Vergewaltigung angezeigt werde und dann nur etwa jeder zehnte Beschuldigte auch verurteilt werde: „So komme ich letztendlich, das können Sie nachrechnen, darauf, dass nur jeder 100. Vergewaltiger verurteilt wird.“

Ein halbwegs kritisches Publikum mit angehenden Juristen hätte freilich darüber nachdenken können, ob eine Dunkelziffer nicht vielleicht deshalb so heiße, weil eben die genauen Zahlen nicht bekannt sind, sondern im Dunkeln bleiben – übrigens auch für Alice Schwarzer. Es fragt auch niemand nach, ob man dieses Problem dadurch beheben könnte, indem man einfach ein paar Unschuldige einsperrt. Denn eines darf man getrost versichert sein: Kein Staatsanwalt oder Richter in diesem Lande lässt einen Vergewaltiger leichtfertig laufen, wenn nur die entfernte Möglichkeit besteht, ihm die Tat nachzuweisen. Ein trauriges Lied davon kann Jörg Kachelmann singen, der in Mannheim wegen Vergewaltigung vor Gericht stand, am Ende rechtskräftig freigesprochen wurde und der an diesem Abend zum Lieblingsthema von Alice Schwarzer gehörte. Die Feministin begleitete ausgerechnet für die sexistischste aller Tageszeitungen diesen Prozess – sozusagen aus Opfersicht. Inzwischen wurde der Verlag zu einem sechsstelligen Schmerzensgeld wegen Verletzungen des Persönlichkeitsrechts von Kachelmann verurteilt.

„Es gibt auch manchmal weibliche Verbrecherinnen“

Nach dem Vortrag – so gehört es sich schließlich – sollte über das Thema diskutiert werden. Es erhob sich ein Mann und leitete seinen Zwischenruf ein mit den Worten: „Danke, dass ich heute Abend hier sein darf. Ich habe meinen Namen oft gehört…“.

Schwarzer fragte verdutzt, geblendet durch das Scheinwerferlicht: „Wer sind Sie denn, Lieber?“. Antwort: „Mein Name ist Jörg Kachelmann.“ Er nutzte die legitime Chance, sich zu verteidigen. Denn Frau Schwarzer hatte u.a. offenbar vergessen zu erwähnen, dass das Oberlandesgericht Frankfurt/Main mittlerweile die damalige Anzeigeerstatterin zu Schadensersatz verurteilt hat, in einem Zivilprozess, in dem Kachelmann beweispflichtig war, dass die Beschuldigung bewusst frei erfunden und erlogen war. Man könnte meinen, dass angehende Juristen diesen – nun veränderten – Sachverhalt anerkennend zur Kenntnis nehmen. Aber nein, es gab Pfiffe und Buh-Rufe, als Kachelmann seine Ex-Freundin als das bezeichnet, was sie nun einmal ist: eine Falschbeschuldigerin. Offensichtlich passte das einigen Anwesenden nicht in ihr feministisches Weltbild. Dennoch führt Kachelmann unbeirrt aus: „Ich bin Opfer eines Verbrechens geworden“.

Dass jedem, der derart angegriffen wird, das Recht auf Erwiderung zugestanden werden muss, scheint an diesem Abend von einigen Anwesenden nicht begriffen zu werden.

„Die einzige vorbestrafte Täterin sitzt da vorne“

Die gute Nachricht, die nach Gerechtigkeit suchende künftige Juristen eigentlich erfreuen sollte, verhallt ungehört, dass nun in Mannheim strafrechtlich gegen die Falschbeschuldigerin Claudia D. ermittelt werde. Kachelmann schließt seine Replik mit Worten in Richtung Alice Schwarzer: „Es gibt hier drinnen nur eine verurteilte, vorbestrafte Täterin und die sitzt da vorne.“ Das AG Köln hatte gegen Schwarzer im Juli 2016 einen Strafbefehl wegen Steuerhinterziehung erlassen.

Dass Kachelmann vom Landgericht Mannheim freigesprochen wurde, resultiert für Schwarzer nicht etwa aus der Unschuld Kachelmanns, sondern aus dem Umstand, dass namentlich „Die Zeit“ schon früh und umfassend über diese Defizite berichtet und somit Ergebnisdruck auf die Verfahrensbeteiligten aufgebaut hätte. Und überhaupt: „So mancher Gutachter oder Journalist kann parteiisch sein, weil er selbst Sympathisant oder gar Täter ist. Denn irgendwo müssen die ja sein, die Millionen Täter der Sexualverbrechen.“

Diesen Unfug konnte auch Johann Schwenn nicht unkommentiert stehen lassen und wies darauf hin, dass die entscheidenden Sachverständigen vom Gericht und nicht etwa der Verteidigung bestellt wurden. Dagegen sei die von Schwarzer vielgelobte „Traumatologie“ keine anerkannte Wissenschaft, wie auch der Bundesgerichtshof festgestellt hat (etwa BGH 5 StR 319/10).

RichterInnen von morgen

Angegriffen parierte Schwarzer: „So tief sitzt das? So ein leidenschaftliches Ding ist das, dass die beiden Herren aus Hamburg und Zürich angereist sind? Ich hoffe, Sie verstehen das richtig, ich meine es sogar ernst: Irgendwo bin ich gerührt.“ Kachelmann erwiderte später dazu: „Jeder, der auch nur die Empathie eines abgetauten Kühlschranks hat, kann nachvollziehen, dass mich das, was mir passiert ist, berührt. So etwas berührt und zerstört Menschen.“ Es bleibt zu hoffen, dass an diesem Abend viele fachfremde Studierende die Aula füllten und die an den juristischen Fakultäten heranwachsenden RichterInnen nicht diese Art des radikalen Feminismus annehmen. Denn wer (Sexual)Gewalt nur auf die gegen Frauen verengt, sollte besser nicht eines Tages über Recht und Gerechtigkeit urteilen und Menschen verurteilen dürfen.

Ausführlich: „Die Vortragscrasher“ von Constantin van Lijnden (Zeit Online)


Revision: Gina-Lisa Lohfink schlecht beraten?

Vorsicht mit der Sprungrevision! – höre ich schon die Warnung aus dem Munde berufener Strafjuristen. Strafverteidiger wissen das und greifen wohl eher zum Rechtsmittel der Berufung.

Und so war auch die Sprungrevision von Gina-Lisa Lohfink nur im Strafmaß, also hinsichtlich der Tagessatzhöhe erfolgreich. Die Verurteilung wegen der falschen Verdächtigung einer Vergewaltigung ist damit rechtskräftig. Damit wird auch Gina-Lisa nicht weiter behaupten dürfen, von zwei Männern vergewaltigt worden zu sein. Und was wird damit aus dem #TeamGinaLisa? Und den Ministern Manuela Schwesig und Heiko Maas, die öffentlich dem #TeamGinaLisa beigetreten waren und schließlich sogar eine Verschärfung des Sexualstrafrechts beschlossen haben („nein heißt nein“ oder wie Insider sagen, die „Lex Lohfink“)?

Vorsitzender Richter Fischer findet klare Worte

Am Kammergericht Berlin findet der Vorsitzende Richter Ralf Fischer heute deutliche Worte. Er habe sich gewundert, dass die Verteidiger die Revision und nicht die Berufung als Rechtsmittel gewählt hätten. Ihn interessierte, warum Gina-Lisa Lohfink überhaupt erschienen sei:

„Weil Ihnen das Anliegen wichtig war? Gerade wegen des Rummels? Oder hat Ihr Anwalt Ihnen nicht gesagt, dass Sie nicht kommen müssen? Damit er Werbung für seine Kanzlei machen kann?“

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Gina-Lisa Lohfink (Archivfoto) wegen falscher Verdächtigung rechtskräftig verurteilt. Foto: 9EkieraM1 (CC BY-SA 3.0)

Lohfink habe ihre Privatsphäre beerdigt oder wurde Haien zum Fraß vorgeworfen

Lohfink habe ihre Privatsphäre vor Gericht „in einem großen Happening beerdigt“ und dürfe sich nun nicht beklagen, dass sie die Geister, die sie rief, nun nicht mehr loswerde: „Oder aber ihr Anwalt hat sie den Haien vorgeworfen. Dann sollten Sie sich nicht beklagen, sondern Ihren Anwalt verklagen.“, sagte er nach einem Bericht der Berliner Zeitung wörtlich und empfahl ihr schließlich, sich über ihren Verteidiger bei der Anwaltskammer zu beschweren.

Die Beweiswürdigung wurde – so war sicher zu erwarten – in der Revisionshauptverhandlung nicht geprüft. Der Generalstaatsanwalt beim Kammergericht hatte beantragt, die Geldstrafe in Höhe von insgesamt 20.000 Euro aufzuheben. Sie beruhe auf vom Amtsgericht Berlin-Tiergarten nicht ausreichend begründeten Schätzungen zum Einkommen. Die Geldstrafe wird nun neu festgesetzt, wobei auch die Gage für die Teilnahme am „Dschungelcamp“ berücksichtigt werden dürfte (nach Medienberichten in Höhe von etwa 150.000 Euro).

Nachtrag: Die Süddeutsche zitiert den Richter so:

„Sollten Ihre Anwälte Sie hinter Ihrem Rücken den Haien zum Fraß vorgeworfen haben, sollten Sie klagen. Ich empfehle Ihnen, sich einen Anwalt zu suchen, dem Ihre Interessen näher stehen als er sich selbst.“

Die FAZ stellt den Hinweis des Vorsitzenden wie folgt dar:

„Wenn Sie unter diesem Verfahren gelitten haben, dann sollten Sie sich einen Verteidiger suchen, der Ihre Interessen wichtiger nimmt als seine. Und wenn er dazu noch etwas von Strafrecht verstünde, wäre das wirklich ein Gewinn.“


Kann es sein, dass Sie einen auf Gina-Lisa machen?

Wenn die Staatsanwältin in der Hauptverhandlung fragt: „Kann es sein, dass Sie einen auf Gina-Lisa machen?“, dann muss vorher schon einiges passiert sein.

Edona James, eine Ex-Darstellerin bei „Promi“-Big Brother, Adam sucht Eva und just am letzten Samstag bei DSDS (Thomas Fischer würde ihren Beruf wohl als „Vorzeigen-von-dicken-Silikonbrüsten“ beschreiben) stand in München vor Gericht. Vorwurf: Sie soll einen 38-jährigen Mann falsch der Vergewaltigung verdächtigt haben. Mit ihm soll sie sich in seiner Wohnung zum Sex verabredet haben – für 300 Euro. Was dann folgte, beschrieb er hinterher als einvernehmlich. Sie beschrieb es als Vergewaltigung … bis heute.

Berühmtheit um jeden Preis und die Quittung: Saal-Verhaftung

Heute folgte dann der Showdown in München: Saal-Verhaftung, abgeführt in Handschellen, weil sie am Wochenende Kontakt per WhatsApp zu einer Zeugin aufgenommen haben soll. Haftgrund: Verdunkelungsgefahr. In der Verhandlungspause hatte die Staatsanwältin Gelegenheit, die Nachrichten und Tonaufnahme in Augenschein zu nehmen. Nach Medienberichten kam sie 30 Minuten später tränenüberströmt in den Gerichtssaal zurück und legte reuevoll ein Geständnis ab: Sie habe sich die Vergewaltigung nur ausgedacht.

Die Staatsanwältin hakt nach: „Wie kann man monatelang behaupten, jemand hätte einen vergewaltigt und dann ist es plötzlich nicht mehr so? Wegen 300 Euro behaupten Sie, dass jemand Sie vergewaltigt hat! Weil Sie verärgert waren? Kann es sein, dass Sie hier einen auf Gina-Lisa machen? Wollten Sie Ihren Bekanntheitsgrad steigern?“ Antwort der Angeklagten: „Das kann sein.“ Man wird unterstellen dürfen, dass die Wahl ihres Verteidigers kein Zufall gewesen war: Burkhard Benecken, seines Zeichens auch Rechtsvertreter von Gina-Lisa Lohfink und nicht sehr zurückhaltend, wenn es um mediale Aufmerksamkeit geht, zeigte sich „geschockt“, als heute die Wahrheit ans Licht kam.

Zwei Jahre Freiheitsstrafe wegen falscher Verdächtigung

Noch sichtlich erbost forderte die Staatsanwältin sodann eine Haftstrafe von zwei Jahren „pur“, also ohne Bewährung – insbesondere wegen der Vermarktung der erfundenen Vergewaltigung und der schwerwiegenden Folgen für das wirkliche Opfer ihrer Falschbeschuldigung. Der Mann hatte deshalb u.a. seinen Job verloren, die Freundin trennte sich.

Das Gericht zeigte sich gnädig und verurteilte die völlig aufgelöste Angeklagte zu zwei Jahren mit Bewährung wegen falscher Verdächtigung, vorsätzlicher Körperverletzung, Ausübung der verbotenen Prostitution sowie noch der versuchten Erpressung. Darüber hinaus muss sie 8.000 Euro Schmerzensgeld zahlen sowie weitere 3.000 Euro an einen gemeinnützigen Verein, der sich um Prostitutionsopfer kümmert. Der Haftbefehl wurde schließlich aufgehoben.


Freispruch vom Sofa-Richter – Televoting im Strafrecht

Spätestens seit den hitzigen Debatten nach dem TV-Voting über den Ausgang von Ferdinand von Schirachs Stück „Terror“ zeigt sich: Das Strafrecht ist eine komplexe Materie, die sich eben nicht auf eine „schuldig“ oder „unschuldig“-Abstimmung herunterbrechen lässt.

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von Schirachs „Terror“ in stylischem Ambiente eines fiktiven Gerichtssaals Foto: ARD Degeto/RBB/Julia Terjung

Nach der Entführung eines Flugzeugs mit 164 Passagieren an Bord steuert dieses auf ein vollbesetztes Stadion zu. Der Luftwaffe-Pilot, dem ausdrücklich kein Abschussbefehl erteilt wurde, entscheidet sich für den Abschuss der Maschine über einem Feld und nimmt so den Tod der Insassen in Kauf, um das Leben der Stadionbesucher zu retten. Am Ende einer inszenierten Verhandlung sollten die Fernsehzuschauer über die „Schuld“ des angeklagten Piloten abstimmen.

Der Zuschauer als Richter über Gut und Böse

Im Ergebnis stimmten 86,9% der rund 600.000 Teilnehmer für den Freispruch des Piloten. Das von Schirach dramatisch gezeichnete Dilemma lässt die strafrechtliche Dogmatik völlig in den Hintergrund rücken und zielt ganz bewusst auf das Moralempfinden und die Empathie des Zuschauers. Die Darstellung des Piloten als Held und Retter der 70.000 Stadionbesucher wird dem Zuschauer immer wieder unter dem Begriff des „übergesetzlichen Notstands“ pseudo-juristisch schmackhaft gemacht, ohne auf die (sehr) engen Voraussetzungen desselben einzugehen. Dass gerade im Fall einer Flugzeugentführung auch von der Literatur selbst die Anwendbarkeit des sog. „übergesetzlichen entschuldigenden Notstands“ stark in Zweifel gezogen wird, erhält keine Erwähnung. Dem Zuschauer als juristischem Laien wird somit ein umstrittenes Rechtsinstitut, welches vorliegend auf Utilitarismus in seiner reinsten Form basiert, als möglicher Ausweg aus dem „Dilemma“ angeboten.

Eine knappe juristische Analyse

Tatsächlich zeigt von Schirach mit seinem Stück „Terror“ gerade nicht eine Lücke in unserem Rechtssystem auf, sondern nur, wie schnell „Recht“ mit „Ethik“ vermischt werden können.

Der Pilot erfüllt zweifelsohne den Tatbestand des Totschlags, wobei der im Stück angeklagte Mord mit gemeingefährlichen Mitteln eher fragwürdig ist. Im Rahmen der Rechtswidrigkeit ist zunächst die Notwehr und folglich in der Schuld der Notwehrexzess mangels gegenwärtigem Angriffs auszuschließen. Der rechtfertigende Notstand scheitert in der Rechtswidrigkeit an dem Grundsatz, dass Leben gerade nicht gegen Leben abgewogen werden kann – dies ist Ausdruck des Utilitarismusverbots. Der Pilot handelte somit auch rechtswidrig. Der entschuldigende Notstand des § 35 StGB scheitert daran, dass wohl weder die Passagiere noch die Stadionbesucher Angehörige oder nahestehende Angehörige des Piloten sind.

Der geforderte Schuldausschluss des Piloten, welcher zur Straffreiheit führt, könnte somit nur über den übergesetzlichen Notstand konstruiert werden. Hierfür spräche sicherlich, dass die Schuld schon deshalb gemindert sei, weil der Pilot zur Rettung von vielen Leben tätig geworden ist. Ebenso gerät der Pilot mehr oder weniger unverschuldet in eine Lage, in welcher auch Nichthandeln ihn in eine „schwere sittliche Schuld“ zu verstricken vermag.

Doch gerade in einer moralischen Dilemma-Situation wie dieser sollte der Einzelne gerade nicht nach seiner persönlichen ethischen Einschätzung handeln, sondern sich an den Wertungen der Rechtsordnung orientieren. Auch wenn es dem Einzelnen unerträglich unethisch erscheinen mag, fordert unsere Rechtsordnung den Schutz jedes Lebens ohne utilitaristische Abwägungen. Die Gewissensentscheidung des Piloten für den Abschuss des Flugzeugs um die Menschen im Stadion zu retten, ist somit kein Fall eines übergesetzlichen Notstands, sondern nur eine Frage der individuellen Schuld. Diese findet ihren Niederschlag jedoch gerade nicht in der Televoting-Frage, ob der Pilot schuldig oder freizusprechen ist, sondern alleinig in der Strafzumessung – also der Frage wie hoch die Strafe letztlich ausfällt.

Experiment fehlgeschlagen – der Zuschauer verwirrt

Das von der ARD angekündigte „Experiment“ zeigt somit nichts anderes, als die Tatsache wie einfach es ist, juristische Laien an unserem Rechtssystem zweifeln zu lassen. Schirach lässt den Zuschauer glauben, das Strafrecht enthalte Lücken, welche er durch eine Abstimmung über eine Ja/Nein-Frage mit der Moralvorstellung der Zuschauer füllen lässt. Tatsächlich existieren diese Lücken nicht und die rechtliche Lösung des moralischen Dilemmas ist indiskutabel.

Ein ähnliches moralisches Dilemma findet sich im Fall Daschner, welcher als Polizeipräsident im Jahr 2002 seinen Mitarbeiter verleitete, einem Kindesentführer trotz Folterverbots körperliche Schmerzen androhte, um den Aufenthaltsort des Kindes zu erfahren. Daschner wurde später schuldig gesprochen; jedoch nur verwarnt und eine Geldstrafe unter Strafvorbehalt verhängt.