Op­fer des auf Kriminalgeschichten fi­xier­ten Fern­se­hens
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Opfer des auf Kriminalgeschichten fixierten Fernsehens

Christian Pfeiffer, Professor am Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen tritt in den nächsten Monaten seinen Ruhestand an. Der 71-jährige war fast 30 Jahre am KFN tätig und zieht nun Bilanz: „Die Deutschen sind – wie andere Nationen – ein Opfer des auf Kriminalgeschichten fixierten Fernsehens, die gefühlte Kriminalitätstemperatur hat mit der Realität nichts gemein.“

Falsche Wahrnehmung der Realität

Deutschland war nie friedfertiger als heute: Ob Mord, Totschlag, Kindstötung oder Kindesmisshandlung – nahezu alle Fallzahlen sind seit vielen Jahren kontinuierlich rückläufig (mit Ausnahme der Internetdelikte und Wohnungseinbrüche). Die Wahrnehmung in der Bevölkerung ist freilich eine andere: Nicht einmal fünf Prozent der Befragten ahnten, dass seit dem Jahr 2000 die vorsätzlichen Tötungsdelikte um 44 Prozent zurückgegangen sind und fast niemand glaubt, dass Sexualmorde seit Mitte der 80er-Jahre von 50 auf zwei Fälle pro Jahr zurückgegangen ist.

Und auch die Gewalt gegen Kinder und der Kindesmissbrauch habe sich in den vergangenen 20 Jahren halbiert. Die Zahl der Kindstötungen sank von 176 auf 68 Fälle pro Jahr. Berücksichtigt man die geringere Zahl der geborenen Kinder, ist dies ein Rückgang von mehr als 50 Prozent.

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Auf Kriminalgeschichten im Fernsehen fixiert – dabei gab es nie weniger Kriminalität als heute

Jugendkriminalität geht massiv zurück

Auch bei der Jugendkriminalität gibt es einen Rückgang: Seit 2007 sind 41 Prozent weniger Fälle zu verzeichnen, der Jugendalkoholismus ist in den vergangenen zehn Jahren sogar um mehr als 50 Prozent zurückgegangen. Ebenso hat sich der Anteil von Schulabbrechern halbiert und somit auch die Zahl der Jugendlichen, die keine Perspektive im Leben haben. Der extreme Rückgang der Jugendgewalt von türkischstämmigen jungen Menschen in Hannover hänge eindeutig damit zusammen, dass in der Landeshauptstadt der Anteil der Haupt- und Sonderschüler aus dieser Gruppe von 50 auf 15 Prozent gesunken ist.

Gerade die Schulpolitik liegt Pfeiffer am Herzen: „Die männlichen Verlierer unseres Schulsystems sind besonders in Gefahr, den Versprechungen von Extremisten zu erliegen – wir erzeugen mit Fehlern in der Bildungspolitik den Nachwuchs für aggressive Salafisten und IS.“ Das Konzept der Hauptschule sei zu überdenken. Diese sei eine „Restschule“ – eine Zusammenballung von meist männlichen Verlierern.

Foto: Stephan Roehl/Heinrich-Böll-Stiftung (CC BY-SA 2.0)

 

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