Studie: Neutralität von Gerichtsgutachten ist gefährdet - Strafakte.de
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Neutralität von Gerichtsgutachten ist mehr als gefährdet

Im Deutschen Ärzteblatt 2014; A-210 wurden erste Ergebnisse einer Studie veröffentlicht, die aufhorchen lässt. Der von Prof. Dr. Ursula Gresser (Twitter) und Benedikt Jordan verfasste Artikel widmet sich einer Befragung von gerichtlichen Sachverständigen und deren Neutralität. Grundsätzlich sollten Sachverständige ihre Gutachten unbeeinflusst und neutral erstellen. Dass dies bei Weitem nicht immer so ist, wird allgemein vermutet und davon haben wir auch bereits berichtet. Um der Diskussion eine wissenschaftliche Grundlage zu geben, wurde im November 2013 eine Studie zur „Begutachtungsmedizin in Deutschland am Beispiel Bayern“ im Rahmen einer Dissertation an der Ludwig-Maximilians-Universität München durchgeführt.

Jeder vierte Gutachter ist wirtschaftlich abhängig

Die Ergebnisse dieser Befragung regen ernsthaft zum Nachdenken an: Bei der Befragung gab nahezu jeder vierte gutachterlich tätige Sachverständige im medizinisch oder psychologischen Bereich an, bei einem von einem Gericht in Auftrag gegebenen Gutachten in Einzelfällen oder häufig (wenige Nennungen) bei einem Gutachtenauftrag eine Tendenz signalisiert bekommen zu haben. Unter humanmedizinischen Gutachtern gab dies jeder Fünfte, unter psychologischen Gutachtern fast jeder Zweite an. Kommt noch eine wirtschaftliche Abhängigkeit des Sachverständigen von Gutachtenaufträgen dazu, wovon bei einem Anteil von mehr als 50 Prozent Gutachtenhonoraren an den Gesamteinnahmen auszugehen ist, ist die geforderte Neutralität gefährdet. Dass mehr als 50 Prozent ihrer Einnahmen aus Gutachtertätigkeit stammen, gaben immerhin 53 der 235 antwortenden Gutachter (22,6 Prozent) an.

Fast jeder zweite psychologische Sachverständige fühlt sich beeeinflusst

Im Zuge der Studie wurden Fragebogen an 583 über das Internet ermittelte medizinische und psychologische Gutachter in Bayern versandt; 252 Personen beteiligten sich an der Umfrage. Von den 243 Sachverständigen bejahten 223 die Frage „Machen Sie Sachverständigengutachten im Auftrag von Gerichten?“ Die Gruppe der Psychiater liegt mit 28,0 Prozent (n = 14) über, die Gruppe der Psychologen mit 42,5 Prozent (n = 17) deutlich über dem Durchschnitt. Insgesamt gaben 24,7 Prozent (n = 54) an, bei Gutachten, die von einem Gericht in Auftrag gegeben wurden, entweder in Einzelfällen oder häufig eine Tendenz signalisiert bekommen zu haben. Unter den Gutachtern, die bei gerichtlich in Auftrag gegebenen Gutachten in Einzelfällen oder häufig eine Tendenz signalisiert bekommen haben, gaben durchschnittlich 40,7 Prozent (n = 22) an, mehr als 50 Prozent ihrer Einnahmen aus gutachterlichen Tätigkeiten zu beziehen. Mit 61,1 Prozent (n = 11) ist dieser Wert bei psychologischen Gutachtern im Vergleich zu den anderen untersuchten Berufsgruppen am höchsten.

Wieviele Gerichtsgutachten sind völ­lig unbeeinflusst?

Diese erste Auswertung der Befragung unter medizinischen Gutachtern in Bayern erstaunt doch ziemlich. Es wäre sicherlich auch zu kurz gegriffen, diese Problematik als eine rein bayrische zu verharmlosen. Wenn sich jeder zweite psychologische oder psychiatrische Sachverständige bei Gutachten über die Schuldfähigkeit oder die Glaubwürdigkeit eines (vielleicht gar des einzigen) Zeugen vom Gericht zumindest beeinflusst fühlt und darüber hinaus von der Gutachtertätigkeit wirtschaftlich abhängig ist, kommt dies praktisch der Kapitulation des Systems gleich. Richter beauftragen Gutachter, weil ihnen die eigene Sachkunde fehlt und schließen sich in der ganz überwiegenden Anzahl der Fälle dem Ergebnis des Gutachtens an. Es bleibt sehr zu hoffen, dass die Ergebnisse dieser Untersuchung nicht folgenlos bleiben.

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6 Kommentare zu “Neutralität von Gerichtsgutachten ist mehr als gefährdet

  1. „Oft wird die Tendenz vorgegeben“ wenn in knapp 25 % „signalisiert“ wird, ist sowohl eine unwissenschaftliche Aussage als auch eine unwissenschaftliche Art der Befragung. Was ist denn „Signalisieren“? Und was ist dann „Vorgeben“ im Gegensatz zum der eigentlich abgefragten „Signalisieren“? Ist die Studie irgendwo noch ausführlicher veröffentlicht? Das, was bisher zu lesen ist, ist mehr als dünn. Ist auch nicht verwunderlich, haben doch gerade die Mediziner den Ruf, ihre Dissertationen seien eher unproblematisch

    Wenn der Staatsanwalt vorher anruft und sagt, Hätten Sie Zeit für ein Gutachten? Der Beschuldigte hat gestern seine Mutter getötet, weil Satan ihm das befohlen hat, das wird wohl ein glatter 20er (StGB)? Schon ein „Signal“? Oder nur eine Information? Bei einer derart vagen Fragestellung weiß schließlich niemand, was der Befragte für sich als „Signal“ oder als „Vorgabe“ interpretiert hat.

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    • Dies sind erste Auswertungen der Befragungen. Die komplette Studie soll im März veröffentlicht werden. Gemeinhin sollte der Richter, der das Gutachten anordnet nichts weiter sagen, außer: Ich schicke Ihnen die Akten – Punkt. Wenn ein Richter dann aber schon am Telefon sagt, er glaube, der Typ hat einen Knall und deshalb wolle er ihn begutachten lassen kann das natürlich eine unzulässige Beeinflussung sein.

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  2. siehe als schönes Zusammenspiel S. Bultmann, Ladung des medizinischen Sachverständigen zur Erläuterung eines Gutachtens – aus juristischer Sicht, Der med. Sachverständige,2/2011, S. 84
    und /oder S. Bultmann, M. Fabra

    War es überhaupt ein Unfall? Erstschadensbeurteilung bei psychogenen Störungen in der gesetzlichen Unfallversicherung, Der med. Sachversständige, 5/2009

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  3. in meiner erbschaftsangelegenheit (ich=alleinerbe vs. staat=unbekannte erben) wurde ein gutachten in auftrag gegeben, „das beweis der testierunfähigkeit der erblasserin erbringen soll“.
    ist das nicht neutral genug? – signal oder tendenz?
    – post mortem (cremation) – grundlage: verdachtsdiagnose (mit eingeräumten zweifeln) einer assistenzärztin – keine weiteren untersuchungen.- nur nach aktenlage – zeugenaussagen 6 jahre nach der erstellung der letztwilligen verfügung – ag hält sich an das zielorientierte gutachten – beschwerde beim lg kann seit 1,25 jahren wg. personalmangels nicht bearbeitet werden. das verfahren geht nun ins 6.jahr; weiterbearbeitung in ungewisser ferne!
    auf hoher see und ……..

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