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Kinderschutz: Rechtsmediziner klagen an

Woche für Woche werden in Deutschland etwa 70 Kinder krankenhausreif geprügelt, getreten, geschüttelt, gebissen, gewürgt oder verbrüht. Im Durchschnitt überleben davon drei die Folgen der Misshandlungen nicht – ohnehin wird nur ein Bruchteil der Fälle aufgedeckt oder angezeigt.

200.000 Fälle – 320 getötete Kinder pro Jahr

Experten gehen jedoch von einer weitaus höheren Dunkelziffer aus. Eher vorsichtig geschätzt, werden es im Jahr an die 200.000 schwerst misshandelte sowie rund 320 getötete Kinder sein. Dagegen zählt das Bundeskriminalamt in der Polizeilichen Kriminalstatistik (PKS) jährlich nur etwa 4.000 Fälle von schweren Misshandlungen an Kindern. Werden die Fälle dann öffentlich bekannt, gibt es in der Politik einen (meist kurzen) Aufschrei der Empörung – geändert hat sich allerdings bisher nur sehr wenig.

So etwas macht eine Mutter nicht

Diese Taten geschehen häufig dort, wo sich Kinder eigentlich am sichersten fühlen müssten: in ihrer Familie. Doch sind die Täter meist die eigenen Eltern, der neue Lebenspartner eines Elternteils oder die Pflegeeltern. Wie im Fall der 13 Monate alten Joelina, die von ihrer Mutter mit schweren Verbrennungen am Gesäß in die Notaufnahme eines Krankenhauses gebracht wurde. Die Ärzte stellten neben den Brandwunden am Gesäß noch kleine kreisförmige Brandverletzungen am rechten Handrücken des Kindes fest, die üblicherweise entstehen, wenn man Zigaretten ausdrückt. Darüber hinaus hatte das Kind massive Bissmarken an beiden Armen.

Vor Gericht erzählte Joelinas Mutter, das Kind habe nach einer bereits länger eingeschalteten und daher heißen Glühbirne gegriffen und sich dabei verbrannt, und die Bisswunden hätte ihr der nur ein Jahr ältere Bruder zugefügt. Wie die Brandverletzungen auf die Rückseite der Hand gekommen waren, konnte sie genauso wenig erklären wie die Marken am Arm, die nach der Untersuchung des Rechtsmediziners sicher vom Gebiss eines erwachsenen Menschen stammen würden. Sie wisse auch nicht, wie die Verbrennungen am Po entstanden seien.

Obwohl der Rechtsmediziner als Gutachter im Prozess aussagte, dass das Mädchen höchstwahrscheinlich auf eine heiße Herdplatte gesetzt worden sei, sprach das Gericht die Mutter frei. Rechtsmediziner in dem Fall war Prof. Dr. Michael Tsokos, Leiter des Instituts für Rechtsmedizin an der Charité und anerkannter Experte bei der Begutachtung solcher Verletzungen. Derartige Fälle werden regelmäßig rechtsmedizinisch untersucht, weshalb Rechtsmediziner gewöhnlich mehr ähnliche Verletzungen gesehen haben als ein Arzt eines anderen Fachgebiets. Nach dem Prozess erklärte er den Freispruch des Gerichts so:

„Als dieser Fall verhandelt wurde, sagten die beiden Schöffinnen: Das gibt’s nicht. Und nach der Verhandlung sind der Verteidiger der Mutter, der Staatsanwalt und der Richter zu mir gekommen und haben mir unmissverständlich zu verstehen gegeben, dass sie das nicht glauben, so etwas mache eine Mutter nicht. Die sahen in mir einen Phantasten und Übertreiber.“

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Michael Tsokos, Rechtsmediziner an der Berliner Charité und erfahrener Sachverständiger // Foto: Droemer Knaur

Rechtsmediziner beklagen mangelnden Kinderschutz

Lena wurde sogar nur sieben Monate alt – getötet vom eigenen Vater. Er sei wütend gewesen, gab er später zu Protokoll. Die Rechtsmediziner Saskia Guddat und Michael Tsokos aus Berlin haben zahlreiche Misshandlungsopfer begutachtet und obduziert. Sie mussten immer wieder feststellen, dass Jugendämter, Sozialarbeiter und Ärzte auch bei recht einfach zu erkennenden Misshandlungsfällen oft nicht reagieren und der Kinderschutz häufig kläglich versagt. Von der Politik finanziell spärlich ausgestattet sind die Jugendämter hoffnungslos überlastet – manche Kinderärzte verschließen die Augen und können nicht an solche Misshandlungen glauben.

In der Dokumentation ZDFzoom: „Kinderschutz am Pranger – Gerichtsmediziner klagen an“, die heute Abend um 22.45 Uhr im ZDF zu sehen ist, begibt sich Reporter Detlef Schwarzer auf Ursachenforschung – u.a. auch in der Rechtsmedizin der Berliner Charité. Er will herausfinden, warum der Kinderschutz in Deutschland immer wieder versagt.

Darüber hinaus ist vorgestern das Buch „Deutschland misshandelt seine Kinder“ von Dr. Saskia Guddat und Prof. Dr. Michael Tsokos im Droemer Verlag erschienen.

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