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Schweigen als Waffe?

Im Zusammenhang mit dem sog. NSU-Prozess vor dem Oberlandesgericht München interviewt die „taz“ die anerkannte österreichische forensische Psychiaterin Heidi Kastner. Insgesamt enthält das Interview wenig Neuigkeiten – eine Aussage erstaunt dann aber doch:

Schweigen kann aber auch Kraft geben. Man schafft das Gefühl: Ich bin der, der sich vorbehält, etwas zu sagen oder nicht. Ich lasse nicht zu, dass ihr auf mich zugreift. Zerbrecht euch den Kopf über mich. Aber ich werde euch nichts sagen. Schweigen ist eine massive Waffe. Es kann ein Werkzeug sein, den anderen hilflos zu machen.

Schweigen als Selbstverteidigung

Schweigen kann eine Waffe zur Selbstverteidigung sein – aber doch nur kurzfristig. Nämlich nur genau solange, bis Dritte über dich reden und du dich selbst nicht verteidigen kannst.

Der Drang, sich in diesen Momenten redend zu verteidigen, ist unbändig. Es ist eine natürliche menschliche Reaktion, falsche Darstellungen richtigstellen zu wollen, den Kontext bestimmter Handlungen oder Aussagen zu erklären, Auslassungen eines Zeugen zu ergänzen und schließlich zu versuchen, einen Zeugen der Lüge zu überführen. Wenn man schweigt, ist dies alles nicht möglich – oder eine Aufgabe, die durch den Verteidiger zu erbringen ist.

Dafür muss dieser allerdings „im Bilde“ sein, um für die oder den Angeklagten die Informationen durch gezielte und geschickte Fragen an den Zeugen richtig zu stellen. Das erfordert zahlreiche und ausgiebige Vorgespräche mit der oder dem Angeklagten und nicht zuletzt eine überaus aufwändige Vorbereitung des Verteidigers auf die Hauptverhandlung und jeden einzelnen Zeugen.

Schweigen,

Reden ist Silber, Schweigen ist Gold! Foto: Hush! von Daniela Vladimirova (CC BY 2.0)

Schweigen als Kraftakt

Dennoch ist grundsätzlich jedem Angeklagten zum Schweigen zu raten. Keinesfalls sollte er sich in die Befragung eines Zeugen einmischen oder gar eigene Fragen an ihn formulieren. Das kann nicht selten die gesamte Verteidigungsstrategie zunichte machen. Es ist im Vorfeld einer Zeugenbefragung mit dem Angeklagten zu erörtern, was der Zeuge auf einzelne Fragen antworten könnte und welche Fakten er vielleicht in seiner Antwort auslassen oder verfälschen könnte. Darauf muss ein guter Verteidiger vorbereitet sein. Denn nur so wird es gelingen, einen Zeugen der Lüge zu überführen oder die Zeugenaussage in die entscheidende Richtung zu führen.

Wenn überhaupt – kann Schweigen nur so Kraft geben, durch überlegenes Wissen, welches man gezielt zurückhalten kann. Wird man dagegen „mit Dreck“ beworfen und muss dies schweigend ertragen, gerät dies unweigerlich zum Kraftakt.

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3 Kommentare zu “Schweigen als Waffe?

  1. Wird man da­ge­gen „mit Dreck” be­wor­fen und muss dies schwei­gend er­tra­gen, ge­rät dies un­wei­ger­lich zum Kraftakt.

    …was indes nichts an der Tatsache ändert, dass man e­ben aus der Kenntnis Kraft schöpft, das über­le­ge­ne Wis­sen ge­zielt zu­rück­hal­ten zu können, und dies auch ’ne Zeit lang tut.

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  2. ‚“Reden ist Silber, Schweigen ist Gold.
    sich in Worten äußern; sprechen seine Gedanken in zusammenhängender Rede äußern, mitteilen einen Vortrag, eine Rede halten durch [intensives] Reden in einen bestimmten körperlichen oder geistigen Zustand versetzen sich jemandem gegenüber [über etwas, jemanden] äußern; ein Gespräch führen, sich unterhalten Synonyme zu reden sich äußern, sprechen, Zeichen geben sich auslassen, ausplaudern,“

    Auf jeden Fall der beste Rat den man einen Mandanten geben kann. Erstaunlich wie wenig sich an diesen Rat halten.

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