Maskenmann-Fall: Das Pyramidenspiel eines Staatsanwalts
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Das Pyramidenspiel eines Staatsanwalts

Der Brandenburger „Maskenmann“-Fall, einem spektakulären Prozess um zwei Überfälle auf eine Berliner Unternehmerfamilie 2011 und die Entführung eines Unternehmers im Jahr 2012 vor dem Landgericht Frankfurt/Oder steht kurz vor dem Abschluss – und möglicherweise droht einem Unschuldigen lebenslange Haft. Die Staatsanwaltschaft sieht seine Schuld anhand einer Indizienkette als erwiesen an – ohne DNA- Spur, ohne Waffe, ohne Motiv und forderte lebenslange Haft. Heute soll die Verteidigung ihr Plädoyer halten.

Maskenmann: „Es muss passen“

Die Forderung der lebenslangen Haftstrafe rechtfertigt der Staatsanwalt in seinem Plädoyer auf geradezu spielerische Weise am Modell einer Pyramide. An deren Fuß stehen alle Menschen, die Stufe um Stufe nach oben aussortiert werden. Nach diesem Pyramidenspiel des Staatsanwalts klettern alle Männer hinauf, Frauen fallen raus. Aufwärts geht es für alle deutsch sprechenden, erwachsenen Männer, die ab und zu, aber nicht dauerhaft eine Brille tragen, die ein abstehendes Ohr haben und deren Kopfform oval ist. Die Geldprobleme haben, Tarnkleidung besitzen, besonders treffsicher schießen können, die Gegend um den Storkower See und Scharmützelsee gut kennen und so weiter. Am Ende soll nur ein Täter übrig bleiben, alle anderen wären danach rausgefallen. So viel zur Theorie: „Es muss passen“.

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Ein Angeklagter, zwei Tatverdächtige, kein Täter

Dieser Ansatz des Staatsanwalts ist offenbar so etwas wie die Umkehrung der Nullhypothese. Aber was, wenn am Ende eben zwei mögliche Täter übrig bleiben? Der Tagesspiegel legt in einer ausführlichen und akribischen Recherche dar, dass neben dem Angeklagten Mario K. durchaus noch ein weiterer Täter in Frage komme – ein früherer Polizist. Dem Verdacht wird allerdings nicht weiter nachgegangen, weil er ein Alibi zum Zeitpunkt einer der Taten zu haben schien. Und weil alle Fakten, die gegen eine Täterschaft des Angeklagten sprechen, von der Staatsanwaltschaft gesund gebetet wurden: Der Täter sei 1,70 bis 1.85 Meter groß gewesen. Das Opfer Nr. 1 hatte 2011 von einer Größe von 1,70 Metern gesprochen. Auch die Frau des entführten Opfers erinnert sich, dass er so groß wie sie gewesen sei – 1,72 Meter. Der Staatsanwalt sagt: Man könne sich ja auch mal irren: Der Angeklagte ist 1,85 Meter groß. Der tatverdächtige ehemalige Polizist Anton L. misst 1,72 Meter. Außerdem will das erste Tatopfer, die den Täter am deutlichsten gesehen hat, einen rötlichen Bart erkannt haben. Der Angeklagte Mario K. trägt nur zuweilen Bart. Der ist schwarz. Auch Anton L. trägt einen Bart – rötlich, wie Fotos belegen. Schließlich wird während der Hauptverhandlung bekannt, dass – nachdem die Ermittler den Angeklagten Mario K. im Visier hatten – sogar das Phantombild geändert wurde. Zum Nachteil von Mario K.

Noch deutlicher wird es beim möglichen Tatmotiv: Mario K. soll einen „Hass auf Reiche“ gehabt haben, wäre „notorisch pleite“ gewesen. Als Beweis wird angeführt, der Angeklagte hatte bei seiner Festnahme 350 Euro auf dem Konto und zu Hause 300 Euro bar. Der Polizeibeamte Anton L. habe dagegen tatsächlich Schulden gehabt – heute rund 235.000 Euro, weil er mit schönen Autos und teuren Klamotten „über seine Verhältnisse“ gelebt haben soll.

„Es muss passen“, sagte der Staatsanwalt im Plädoyer. Tatsächlich passt manches nicht. An der Spitze der Pyramide steht nicht ein Täter, sondern zwei Tatverdächtige.

Dies kann das Gericht nicht unbeachtet lassen.

Fortsetzung hier: Der letzte Versuch

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7 Kommentare zu “Das Pyramidenspiel eines Staatsanwalts

  1. In Deutschland gilt die Unschuldsvermutung, bis das Gegenteil bewiesen ist. Wenn ich mir diesen Artikel hier durchlese, ist der Staatsanwalt von „bewiesen“ noch meilenweit entfernt. Hier muss „Im Zweifel für den Angeklagten“ gelten, denn der Staatsanwalt, bzw. seine Ermittler (die Polizei) haben hier offensichtlich nicht so vernünftig ausermittelt, wie man es eigentlich bei so schwerwiegenden Anschuldigungen erwarten dürfte und muss!

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  2. Ich dachte bisher solch eine voreingenommene Justiz gibt es nur in Bayern(Fall Rupp) und Baden-Württemberg(Wörz). So wie im Fall Wörz ist der andere Tatverdächtige ein Polizist. Ein Schelm der dabei Böses denkt… Staatsdiener halten sich IMMER an die Gesetze, das ist doch klar!

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  3. Und in einigen Jahren (oder auch Jahrzehnten) gibt es einen neuen Justizskandal.
    Gut, Fehler können passieren.
    Aber wenn diese absichtlich und nur der Bequemlichkeit halber geschehen, so sollten dann auch die verantwortlichen Juristen zur Rechenschaft gezogen werden.

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  4. Über die „Arbeitsweise“ des Angeklagten in den Nullerjahren, als er Boote ausräumte und anzündete, gab es vor ein paar Jahren mal einen Artikel in der Zeit unter der Überschrift „Der Kampfschwimmer“, ist leider nicht (mehr?) online.

    Ansonsten ist der Tagesspiegel etwas kurios: will man jetzt dem mutmaßlichen Entführungsopfer glauben oder nicht? EInerseits wird es als etwas seeeeehr aufklärungsmotiviert bei den Videoaufnahmen beschrieben. Und dann die zweifelnden Polizeibeamten, die sich auf eine offenbar kaffeesatzlesende Kriminologin stützen, welche mit Mutmaßerei die Angaben des Zeugen zerlegen soll..?

    Dass offensichtlich mit derselben Waffe in die Decke der Wohnung geschossen wurde wie mit der, die bei der ersten Tat verwendet wurde, beleuchtet die Investigativreporterin, die zu 98 % Vorgänge berichtet, die man als Gerichtsreporter bei der Verhandlung mitbekommen hat, nicht so intensiv.

    Und dann wird der unglaubwürdige Entführte als Kronzeuge für die Täterschaft des Hubschrauberpiloten aufgebaut. Dass Hubschrauberpiloten bei der Polizei wahrscheinlich in der Regel noch weniger oft zum Schießtraining kommen, geschweige denn mit einer Ceska, als der gewöhnliche Berliner Streifenbulle, der wegen der Berliner Haushaltsmisere höchstens 2 x pro Jahr seine Pflichtübungen schießt: geschenkt.

    Erstaunt bin ich etwas über die Mutmaßungen des Gutachters über die Bewegungsdefizite, die er wegen der Arthrose anstellt. Dass jemand, der generell fit und noch dazu motiviert ist, sich ggf. überall und gerade im kriminellen Milieu z.B. problemlos Tilidin oder Ähnliches beschaffen kann, ist eine Binsenweisheit.
    Und dass die Exfrau des Polizisten erstmals nach der Trennung eine Alibibehauptung demontiert: hm, da haben schon viele Ex-Frauen viele Dinge behauptet (siehe Mollath). Ob sie das auch so vor einem Gericht bestätigen wird….. und woher sie nach 2 Jahren weiß, daß ihr Mann an einem bestimmten Tag nicht zuhause war? Der Polizist war pleite ? Oder war er es doch nicht, weil er 25.000 € schwarz verdient hat? Die Recherche blieb da auf halbem Wege stehen und ergeht sich in Vermutungen.

    Ich will ja nicht abstreiten, dass es schon eine sehr ungewöhnliche Konstellation bei diesen sehr ungewöhnlichen Taten ist (wann wurde denn in D zuletzt jemand entführt, um ggf. Lösegeld zu erpressen? Reemtsma?) in der plötzlich ein Alternativtäter aufscheint, der befähigt und in der Lage gewesen sein soll, die beiden Taten zu begehen. Und das kurz vor Schluss der Hauptverhandlung. Da könnte man auch daran denken, dass diese Informationen und die exklusiven Fotos des Kajaks von interessierter Seite an die Presse gegeben wurden.

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