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Köhnken: Fifty-fifty-Chance, Lügner zu enttarnen

Günter Köhnken gehört zu den angesehensten und erfahrensten Rechtspsychologen in Deutschland, dessen Spezialgebiet insbesondere die Beurteilung der Glaubwürdigkeit von Zeugenaussagen vor Gericht ist.1 Im „Spiegel“-Interview erklärt der Professor der Universität Kiel kurz und in verständlicher Art und Weise, warum es so schwierig ist, Falschaussagen zu erkennen.

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Für die Glaubwürdigkeit von Zeugen zählt nicht das äußere Erscheinungsbild // Foto: Stephanie Hofschläger / pixelio

Kein Zusammenhang zwischen Täuschung und nonverbaler Kommunikation

Wer eine Falschaussage erkennen will, braucht einen ungetrübten und unvoreingenommenen Blick auf die Aussageperson. Es zählt in den Bereich der „Küchenpsychologie“ zu glauben, dass Lügner eher schwitzen, Augenkontakt vermeiden, den Blick abwenden sowie nervös mit ihren Fingern spielen oder den Füßen wippen würden. Anders als die meisten Menschen denken, gibt es keinen wissenschaftlich erwiesenen Zusammenhang zwischen Täuschung und nonverbaler Kommunikation, also Mimik und Gestik. Es gebe daher wohl höchstens eine Fifty-fifty-Chance, eine Person der Falschaussage zu überführen, wenn keine weiteren Erkenntnisse vorliegen. In der gerichtlichen Begutachtung der Glaubwürdigkeit von Zeugenaussagen gibt es natürlich eine ganze Reihe weiterer Feststellungen, die für zur Beurteilung herangezogen werden können, was die Quote zur Entdeckung von Falschaussagen wesentlich erhöht:

Ich konzentriere mich einzig auf den Inhalt, studiere zunächst die Ermittlungsakten der Polizei und spreche erst danach mit dem Zeugen. Wenn alle Fakten auf dem Tisch liegen, frage ich mich: Ist der Zeuge überhaupt geistig in der Lage, eine solche Aussage zu erfinden, wurde er vielleicht unter Druck gesetzt oder unbewusst manipuliert? Natürlich aber auch: Könnte es Gründe für eine Falschaussage geben?

Das Problem von Falschaussagen ist zahlenmäßig kein Kleines: Um die dreißig, vierzig Prozent schätzt Köhnken, sind Falschaussagen – und das in so gut wie allen Delikten bis hin zu Mord und Totschlag, aber ganz überwiegend bei Sexualdelikten. Gerade dort habe die Zahl der Falschbeschuldigungen – in der Regel von Frauen – auffällig zugenommen.

Köhnken: Ausgedachte Geschichten haben einen simplen Aufbau

Die Methode, eine falsche Aussage zu entlarven, klingt in seiner Beschreibung simpel: Köhnken würde die Chronologie der Ereignisse im vermeintlichen Tatgeschehen durcheinanderbringen und die Aussageperson damit konfrontieren, denn ausgedachte Geschichten hätten in der Regel einen einfach strukturierten Aufbau:

Wer schon einmal ein Gedicht auswendig lernen musste, weiß, dass man sich den Inhalt am besten merken kann, wenn man sich von Zeile zu Zeile, von Strophe zu Strophe hangelt. Jeder Schüler käme ins Stottern, wenn der Lehrer ihn fragen würde: Wie lautet die dritte Zeile in der vierten Strophe? Ich spiele den Lehrer und lasse den Zeugen die Geschichte von hinten vortragen oder erst in der Mitte anfangen. Mogler kommen da ziemlich schnell ins Schleudern.

Wenn dagegen sogar scheinbare Nebensächlichkeiten recht genau beschreiben werden sowie unvorhergesehene Unterbrechungen in einem Geschehensablauf vorkommen, sei dies nahezu immer ein Beweis dafür, dass ein Zeuge die Wahrheit sagt.

  1. Köhnken: Glaubwürdigkeit. Untersuchungen zu einem psychologischen Konstrukt (Habil., 1990) []
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3 Kommentare zu “Köhnken: Fifty-fifty-Chance, Lügner zu enttarnen

  1. Leider kann man auch diese scheinbaren „Beweise“ dafür, dass jemand die Wahrheit sagt, auch ohne allzu großen Aufwand aushebeln. Man muss sich nur mit den Anhaltspunkten einer falschen bzw. wahren Aussage beschäftigen – schon kann man gezielt trainieren, Nebensächlichkeiten, Unterbrechungen und eigene Emotionen einbauen…

    Im Rahmen der Staatsanwaltschaftsstation im Referendariat haben wir die Fragetechnik geübt – und hatten es sehr schwer, die (erst ganz kurz zuvor) vorbereiteten Falschaussagen unserer Gegenüber zu erkennen…

    Gruß, Julian
    http://www.dasrechtderstrasse.blogspot.de

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    • @Julian Jansen: Das ist tatsächlich ein Problem, zumal es fragwürdige Suggestivliteratur wie etwa den Bestseller „Trotz Allem“ auf dem Markt gibt, der eine regelrechte Anleitung zum Er­fin­den von Realkennzeichen enthält. Zwar wurde die entsprechende Passage in der Neuauflage vom Verlag abgeschwächt, trotzdem ist die ursprüngliche Fassung in Bibliotheken, Beratungsstellen und auf dem Gebrauchtmarkt weiterhin erhältlich.

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