Categories: Sexualstrafrecht

Kein Missbrauch durch andere Kita-Kinder

Der Skandal in diesem Sommer war perfekt: In einer Mainzer Kindertagesstätte – ausgerechnet einer katholischen – sollte sich Unglaubliches ereignet haben: Fast alle der 55 betreuten Kinder sollen monatelang mehrfach täglich bedroht, erpresst, bestohlen, sexuell missbraucht mit mit Gegenständen vergewaltigt worden sein – mit ausdrücklich sadistischer Note. Nicht etwa von den Erziehern, sondern von anderen Kindern dieser „Horror-Kita“.

„Wenn Du dein Spielzeug nicht mitbringst, machen wir Dich tot“

Die Betreuer, die von alledem nichts mitbekommen haben, wurden alle fristlos gekündigt, die Kindertagesstätte geschlossen. Die Staatsanwaltschaft Mainz hat nun ihr Ermittlungsergebnis veröffentlicht, das zu dem Schluss kommt, dass der vermeintliche Missbrauch nie stattgefunden hat. Die Ermittler befragten 32 Kinder, mehr als 35 Eltern sowie ein Dutzend anderer Zeugen, darunter ehemalige Beschäftigte der Kita oder Praktikanten. Gehört wurden auch Kinderärzte und ein Rechtsmediziner, Sachverständige werteten die Aussagen der Kinder aus.

Wie es dagegen zu den offenbar unbegründeten Vorwürfen kam, bleibt rätselhaft und konnte bislang nicht aufgeklärt werden.1 Dieser Fall ist allerdings keinesfalls der erste dieser Art, vielmehr reiht er sich ein in eine lange Geschichte wie falsche „Missbrauchsskandale“ entstehen. In den Jahren 1993 bis 1997 fanden vor dem Landgericht Mainz die sog. „Wormser Prozesse“ statt, in denen insgesamt 25 Personen des massenhaften Kindesmissbrauchs im Rahmen eines Pornorings angeklagt wurden. Alle Vorwürfe stellten sich als falsch heraus, die Angeklagten wurden freigesprochen. In dem konkreten Fall war der Verein Wildwasser e.V. massiv an der Entstehung der Vorwürfe beteiligt, weil eine dafür nicht ausgebildete Mitarbeiterin die Kinder mit Techniken befragte, die auf den Münsteraner Psychiatrieprofessor Tilman Fürniss zurückgehen. Diese verhörähnlich angelegten Befragungen wurden mit Zuhilfenahme „anatomisch korrekter Puppen“ durchgeführt – wobei den Kindern durch suggestive Fragestellungen die gewünschte Antwort gleich mitgeliefert wurde. Der Prozess entwickelte sich zu einem beispiellosen Justizskandal.

Grenzenlose öffentliche Hysterie

Damals schon leistete die grenzenlose öffentliche Hysterie den falschen Anschuldigungen Vorschub. Immer neue Vorwürfe wurden von den beteiligten Personen „aufgedeckt“ – ohne dass jemand die Plausibilität insgesamt infrage gestellt hätte. „Kinder denken sich so etwas nicht aus“, lautet eine gern herangezogene Floskel, die allerdings jeder psychologischen Grundlage entbehrt. Was kann man aus solchen Vorfällen lernen? Aufregung und Skandalisierung sind ganz schlechte Ratgeber, besonnenes Handeln ist dagegen oberste Pflicht, um die Vorwürfe in aller Ruhe mit entsprechend qualifizierten Sachverständigen und Beratern aufzuklären.

Die Medien sind freilich aus einem solchen Prozess so lange wie möglich herauszuhalten. Ist die Story erst einmal draußen, wird sie sich ohne professionelles PR-Krisenmanagement schnell verselbstständigen. Eine geordnete Aufarbeitung ist dann zumindest wesentlich erschwert.

Nachtrag: Das „ZEIT“-Magazin hat die Hintergründe recherchiert und die Chronologie dieses Skandals in einer sehr lesenswerten Geschichte aufbereitet.

  1. Beachte den Nachtrag am Ende des Textes. []

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  • Auch bezeichnend: Über den vermeintlichen Missbrauchshorror berichten alle Medien prominent. Über das Ergebnis, dass er nie stattgefunden hat, berichtet niemand.

    "Wie es dagegen zu den offenbar unbegründeten Vorwürfen kam, bleibt rätselhaft und konnte bislang nicht aufgeklärt werden."
    Es ist ganz und gar nicht rätselhaft. Die Antwort lautet Hysterie und psychosenhafter Massenwahn, der zurückgeht auf das was im Beitrag geschrieben wurde: Der Glaube dass ein Kind sich "soetwas" nicht ausdenke.

    Ich weiß nicht, ob der Mainzer Fall auch unter tatkräftiger Hilfe selbsternannter Missbrauchsaufklärer zur Massenpsychose wurde, es wäre aber an der Zeit, derartige "Helfer" an den Kosten, die sie verursachen, zu beteiligen.

  • Nun wäre nur noch zu hoffen, dass die gekündigten Mitarbeiter rechtliche Schritte gegen ihre Kündigung und die vorschnelle Schließung der Tagesstätte einleiten. Ich wünsche ihnen hohe Entschädigungszahlungen, damit sich derartiges nicht so schnell wiederholt.

    Dieser hysterische Affenzirkus ist zu einem totalen Desaster für diese sogenannten Kinderschützer geworden, die eigentlich nichts anderes verbreiten als Sexualterrorismus.

  • Eine häufiger gemachte Erfahrung - im Sexualstrafrecht verwischen wie in keinem zweiten Bereich des Strafrechts rationelles Denken und "Bauchgefühl".
    Meiner Meinung lieg dieses daran, dass Sexualität oft nicht den Gesetzen der Rationalität folgt und daher dem "Bauchgefühl" zu viel Raum gelassen wird.
    Und dann liegt es nahe, eine "Sau durch´s Dorf zu treiben" - weil ja "halt an den Geschichten schon irgendwas ´dran sein wird".

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