Tuğçe: Zeit zu trauern, Zeit zu richten - Strafakte.de
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Zeit zu trauern, Zeit zu richten

Ein Mensch ist gestorben. Tuğçe zeigte Zivilcourage, wollte zwei Mädchen helfen und wurde dadurch selbst Opfer. Dieses Schicksal lässt niemanden kalt – auch mich nicht.

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Doch anstatt der Trauer ihren Raum zu geben, ist schon jetzt wieder der Ruf in den Medien nach einer „harten“ Bestrafung des Täters unüberhörbar. Damit sprechen sie zwar der Mehrheit aus dem Herzen, beschädigen damit zugleich jedoch das Vertrauen in den Rechtsstaat.

Zweifelsohne hat der Täter schwere moralische Schuld auf sich geladen. Doch darf man nicht verkennen, dass es sich bei diesem Fall – nach allem was man jetzt weiß – gerade nicht um eine Gewaltorgie handelte, wo noch auf jemanden eingetreten wurde, der schon am Boden lag. Eher stellt es sich so dar, dass es ein Schlag war – geführt mit der flachen Hand, nicht mit der Faust. Der Schlag beendete letztlich ein Leben, was keinesfalls zu verharmlosen ist. Die strafrechtliche Schuld beurteilt sich allerdings nach anderen Kriterien als die moralische. Der Täter hat keinen Menschen „totgeschlagen“, wie viele Medien vorschnell (ver-) urteilten. Das würde voraussetzen, dass der Täter den Vorsatz hatte zu töten. Dafür gibt es bislang jedoch keinerlei Anhaltspunkte.

Die Aufgabe von Juristen ist der nüchterne Blick auf Tat und Täter. Anders als in der Berichterstattung ist er erst als schuldig anzusehen, wenn seine Schuld rechtskräftig festgestellt wurde. Das unterscheidet strafrechtliche Schuld von der moralischen. Doch schon jetzt ist klar, dass die Strafe nicht als gerecht empfunden werden wird. Was wäre denn überhaupt gerecht?

Aber warum scheint es zum jetzigen Zeitpunkt schon so wichtig zu sein, welche Strafe der Täter möglicherweise erhalten wird? Geht es nur um Vergeltung? Leben wir in einer Gesellschaft, in der wieder das „Auge um Auge“-Prinzip gilt?

Es gibt eine Zeit zu trauern und es gibt eine Zeit zu richten. Alles zu seiner Zeit.

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3 Kommentare zu “Zeit zu trauern, Zeit zu richten

  1. Ich habe große Probleme wie der tragische Tod der jungen Frau gehyped und von der Politik instrumentalisiert wird.
    Für die Trauernden ist die (meist oberflächliche oder verklärende) Anteilnahme sicher hilfreich. Ihr aber nun quasi ohne Prüfung (wie es schon die ersten gefordert haben) das Bundesverdienstkreuz zu verleihen, Schweigeminuten abzuhalten und natürlich (das gehört dazu) schärfere Strafen zu fordern ist einfach nur billig.
    Der (mutmaßliche) Täter ist noch gar nicht bestraft und schon wird nach härteren Strafen gerufen. Was ist denn das für eine quere Logik?

    Es ist ein großes Problem, wie auch die Medien Stimmung machen. Da wird live von der Gedenkfeier in Offenbach berichtet und die junge Frau engelsgleich verklärt. Ich sehe dies kritisch, weil man sich ausmalen kann, dass der Prozess, der ansteht ein Medienspektakel sein wird. Medienprozesse sind in der Regel diejenigen, die von Recht und Gerechtigkeit am weitesten entfernt sind. Meistens hinterlassen sie bei allen, Prozessbeteiligten, Medien, wie Zuschauer und unbeteiligte einen schalen Beigeschmack. Der Rechtsstaat wüsste nicht mit diesen Schlägern umzugehen und die eigene moralische Entrüstung wird zum Gerechtigkeitsmaßstab. Da kann der Rechtsstaat nur verlieren. Welcher Richter würde es sich trauen, diesen Täter aus der U-Haft zu entlassen, weil möglicherweise keine Haftgründe vorliegen?
    Brechen wir das doch einmal nieder: Wenn der Tatvorwurf Körperverletzung mit Todesfolge lautet und nach Jugendrecht verhandelt wird, dann hat der Täter nicht unbedingt eine so sehr hohe Strafe zu erwarten. Als Mehrfachtäter könnte man ihm sogar zugute(!!) halten, dass Fluchtgefahr unwahrscheinlich ist, wenn er sich bereits mehrfach derartigen Prozessen gestellt hat. Fluchtgefahr muss man dann nicht annehmen. Und wenn es stimmt, dass er in der U-Haft ein Geständnis abgelegt hat, dann ist es auch mit der Verdunkelungsgefahr nicht mehr so weit her. Zum Glück gibt’s ja die apokryphen Haftgründe.
    Irgendwann ist man dann so weit, dass man ihn nicht mehr aufgrund der Haftgründe der StPO in U-Haft behält, sondern zu einem eigenen Schutz.

    Da sind wir dann wieder bei der Moral und dem Gerechtigkeitsempfinden der Leute, die in anonymen Gästebüchern mit großen Worten kondolieren, die junge Frau aber gar nicht kannten. Genau diese sind es aber, die besonders schnell auf möglichst grausame Rache sinnen und den Täter am liebsten hängen sehen. Diese Leute lehnen meist die Scharia ab……….

    Wie gesagt, ich habe große Probleme mit dem Hype um den Tod der jungen Frau, eine Nummer kleiner wäre ehrlicher und für den Rechtsstaat gesünder.

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  2. So berührend die Anteilnahme am Sterben des Opfers ist und so wütend einen der Sachverhalt macht, der zum Tod der jungen Frau geführt hat:
    Wenn sich die Tat so zugetragen hat, wie es in den Medien berichtet wird, dann gibt es keine Anzeichen für einen Tötungsvorsatz. Es bleibt das Delikt einer Körperverletzung mit Todesfolge. Dafür sitzt der Täter auch in U-Haft. Bestraft wird er nach Jugendstrafrecht. Für hysterische Rachegelüste ist kein Platz. Da kann ich der Einschätzung von Mirko Laudon nur zustimmen.

    Aber es ist ein tragischer Tod, ein sinnloser Tod, ein vermeidbarer Tod, veranlasst durch ein couragiertes und mitmenschliches Verhalten, wie es täglich tausende Male in diesem Land vorkommt – oder leider nicht vorkommt. Normalerweise nimmt niemand groß Notiz von jenen Menschen, die sich für Andere einsetzen, die sich trauen, gegen Unrecht und Gewalt einzuschreiten. Nun hat eine junge Frau dafür mit ihrem Leben bezahlt.

    Wenn ihr Tod einen Sinn haben soll, dann ist es der öffentliche Appell, sich ganz selbstverständlich so zu verhalten wie sie. Je selbstverständlicher umso leichter. Und nicht Rache zu üben und Strafen zu verschärfen. Tuğçe selbst würde darin sicher auch keinen Sinn sehen.

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