Gutjahr: Wie Journalisten Apple einen Skandal hinbiegen
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Wie Journalisten Apple einen Skandal beibiegen

Richard Gutjahr veröffentlicht heute bei den Krautreportern einen kritischen Bericht über Apple: „Wie Apple die Medien verbiegt – und warum alle mitspielen.“ Dabei äußert er in Teilen vielleicht sogar berechtigte Kritik an Apple – lässt jedoch einen Aspekt dabei völlig außer Acht: Die ebenso berechtigte Kritik an vielen Journalisten.

Wenn es um Apple geht, vergessen Medien gerne ihre journalistischen Grundsätze. Geschickt spielt der Konzern mit den Abhängigkeiten der Redaktionen.

Journalisten fühlen sich gern als der Nabel der Welt – und offenbaren damit ein merkwürdiges Selbstverständnis. Für sie ist daher in ihrem eigenen „Reality Distortion Field“ schlicht nicht vorstellbar, dass ein Unternehmen wie Apple keine Pressekonferenz zur Vorstellung ihrer Produkte abhalten könnte.

Für Apple-Events – die eigentlich Pressekonferenzen sind, aber aus gutem Grund nicht so heißen sollen – kann man sich nicht anmelden. Man wird auserwählt.

Deshalb wird ein „Apple Event“ kurzerhand in eine Pressekonferenz umgemünzt. Da macht es auch nichts, dass Journalisten auf dem Event in der Minderzahl sind, neben VIPs und anderen geladenen Gästen. Es passt nicht in das Weltbild von Journalisten, dass sich nicht alles um sie dreht, dass sie nicht hofiert werden, sondern gar in einem gesonderten Bereich untergebracht werden, damit sie die eigentlichen Gäste nicht mit nervigen, immer gleichen Fragen belästigen.

Meine Party – meine Regeln

Die Journalisten sind auf dem Apple Event – der im Übrigen tatsächlich keine Pressekonferenz, sondern eine Produktpräsentation oder bestenfalls eine PR-Veranstaltung ist – schmückendes Beiwerk. Man gibt ihnen trotzdem die Möglichkeit, die Keynote live mitzuerleben. So aus dem Mittelpunkt entrückt kann man ihren Verdruss rein menschlich verstehen, etwa wie bei einem dreijährigen Kind, das erkennen muss, dass die Welt sich nicht um ihn/sie dreht.

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Eine erfolgreiche Marke wie Apple erkennt schnell, dass Journalisten nicht ihre Freunde sind. Denn während man in einem Moment die Produkte noch hochjubelt, wird im nächsten Moment jede Unregelmäßigkeit gleich zu einem „Gate“ hochstilisiert. Ganz klar: Mit Apple macht man Reichweite, insbesondere wenn man kritisch berichtet und einen handfesten Skandal ausmacht. Nicht umsonst taucht dieser unter den ersten 25 Beiträgen bei den Krautreportern auf.

Selbstschutz vor unseriösem Journalismus

Es geht deshalb längst nicht mehr darum, kritische Journalisten nicht zu Events einzuladen und nicht mehr mit Testgeräten zu versorgen. Es geht um Selbstschutz – darum, den hanebüchenen Unsinn auszusortieren. Etwa ein Video, in dem das neue iPad auf ein #bentgate untersucht wird, und das natürlich – dies ist eine physikalische Gewissheit – auch zerbricht. Nicht umsonst war dieses Video tagelang auf der „Bild.de“-Startseite zu finden, es hätte auch von „Bild“-Reportern stammen können. Über 1,5 Millionen Menschen haben sich das Video angesehen, das mit dem Fazit endet, man werde nun versuchen, das mit Gewalt zerbrochene iPad im Apple Store umzutauschen. Solche Genies sollen sich womöglich noch bei Apple um Testgeräte bewerben dürfen?

Wahrlich nicht besser war der Test der „Computer Bild“, die ein iPhone 6 Plus mit roher Gewalt verbogen haben, um das #bentgate vermeintlich zu bestätigen – natürlich mit der „Bild“-typisch dämlichen Entrüstung des „Journalisten“ im Unterton:

Ich würde meine wertvollen Testgeräte (ein iPhone 6 Plus kostet zwischen 699 und 999 Euro) auch lieber Journalisten zur Verfügung stellen, die damit sorgsam umgehen. Und solchen, die sich seriösen Produkttests verschrieben haben, die man heute eigentlich nur noch in wenigen Blogs findet. Die anderen hypen lieber die wenigen Fehltritte, anstatt sachlich zu berichten. Den Vollpfostenjournalismus Entrüstungsjournlismus muss man – in welcher Weise auch immer – nicht auch noch unterstützen. Den Nachweis, dass ein kritischer Journalist „exkommuniziert“ wurde, bleibt Gutjahr leider schuldig.

Apple verteidigt sein Markenimage – ein Skandal?

Obdachlose, die ihren Warteplatz vor dem Apple Store später verkaufen. Leere Reihen, die vor einer Keynote noch schnell aufgefüllt werden. Entfernte Pannen aus den Videos einer Produktpräsentation. Ein China-Klon als unerwünschtes Vergleichsobjekt neben dem (teuren) Original. Es scheint ein Skandal zu sein, dass einer Marke daran gelegen ist, ein hart erarbeitetes, gutes Image zu verteidigen. Ich kann darin jedenfalls keinen Skandal erblicken.

Offenlegung des Autors: Ich besitze weder Aktien von Facebook, Google oder Apple, habe außer (selbst gekauften) Apple-Geräten auch einige mit Android und habe nach 2 Jahren Volontariat selbst 6 Jahre als Journalist gearbeitet.

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7 Kommentare zu “Wie Journalisten Apple einen Skandal beibiegen

  1. @Mirko, man muss Richards Artikel noch nicht mal lesen, um zu wissen, dass du unrecht hast, wenn du behauptest: „[Richard Gutjahr] lässt je­doch ei­nen As­pekt da­bei völ­lig au­ßer Acht: Die ebenso be­rech­tigte Kri­tik an vie­len Journalisten.“

    Es steht doch schon dick und fett oben im Teaser-Text: „Wenn es um Apple geht, vergessen Medien gerne ihre journalistischen Grundsätze.“ Journalisten sind *Teil* der Medien.

    Ich zitiere weiter:

    „(…) Von keinem anderen Unternehmen würden wir Medienleute uns das in dieser Form bieten lassen.“

    „Eine Seite, die wir Journalisten bewusst verschweigen, was an sich schon äußerst denkwürdig ist. Für diesen Artikel habe ich mit unzähligen Kollegen gesprochen, um ihre Erlebnisse mit meinen eigenen abzugleichen. Alle meine Gesprächspartner haben dabei größten Wert darauf gelegt, nicht namentlich erwähnt zu werden, um bei Apple nicht in Ungnade zu fallen. In Ungnade zu fallen, weil man die Wahrheit über ein Unternehmen berichtet. Ein gruseliger Reflex für einen Journalisten.“

    „Für viele Journalisten ist eine Apple-Einladung wie ein Ritterschlag. Gerade wir Männer dekorieren den Arbeitsplatz gerne mit unseren Akkreditierungskarten.“

    „Die Selbstzensur erfolgt oft schon im Vorfeld innerhalb der Redaktion, über den Ressortleiter oder die eigene Chefredaktion, die sicherstellt, dass nicht ein überambitionierter Mitarbeiter mit einem vielleicht ehrlichen, dafür aber geschäftsschädigenden Text das gute Verhältnis zu Apple in Gefahr bringt. Und meist reicht schon die eigene Schere im Kopf der Journalisten.“

    „Kollegen, die schon öfter Apple-Veranstaltungen besucht haben, versuchen erst gar nicht mehr, sich mit den Organisatoren in Diskussionen zu verstricken. Sie kennen den Rahmen, in dem sie sich bewegen dürfen und haben sich mit dieser Art von Bevormundung arrangiert.“

    Das alles ist doch keine Kritik an Apple, sondern an Journalisten!

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    • @Peter Jebsen: Aber in dem Artikel steht auch:

      Apple weiß um die Bedeutung dieser Einladungen und setzt sie gezielt als Druckmittel ein. Als Computerbild vor ein paar Wochen ein iPhone-kritisches Video ins Netz stellte, folgte prompt ein erboster Anruf aus Apples PR-Agentur. Die Redaktion werde „nie wieder“ (Zitat nach Chefredakteur Axel Telzerow) ein Testgerät erhalten und künftig auch nicht mehr zu Apple-Events eingeladen.

      Hier geht es um die Kritik am Verhalten von Apple, um ein „kritisches“ Video, welches dazu führte, dass die Computerbild angeblich von Apple kein Testgerät mehr erhalten soll. Wenn es denn so war, ist das allerdings kein Beleg dafür, dass Apple Journalisten unter Druck setzen würde – auf diesem Vorwurf baut der gesamte Artikel auf. Aber genau diesen Beleg ist Gutjahr schuldig geblieben.

      Denn wir sind uns wohl einig, dass das Video weniger kritisch, dafür aber umso mehr reißerisch war, Apple wieder mal ein „Gate“ an die Hacken zu basteln.

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  2. @Mirko, über den Sinn bzw. Unsinn von #Bentgate kann man sicherlich streiten. Eigentlich sollte einem schon der gesunde Menschenverstand sagen, dass es Schlaueres gibt, als sich auf ein 700 bis 1000 Euro teures und sehr dünnes Gerät zu setzen.

    Der Artikel wird mit diesem Satz eröffnet:

    Geschickt spielt der Konzern mit den Abhängigkeiten der Redaktionen.

    Und das belegt er auch. Als Grund wird auch die mangelnde Distanz vieler Journalisten/Redaktionen genannt. Es ist ein Wechselspiel zwischen Apple und den Medien.

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    • @Peter Jebsen: Das überzeugt mich ganz und gar nicht. Der Vorwurf, Apple setze kritische Journalisten unter Druck oder spiele mit der Abhängigkeit der Redaktionen (welche Abhängigkeit?) ist durch nichts belegt.

      Es wird lediglich beklagt, dass Apple die Berichterstattung kontrolliere, Kritik abstrafe und auch sonst Journalisten unangemessen behandelt, z.B. in dem sie diese in einen gesonderten Bereich bringt. Der Bericht ist m.E. ziemlich einseitig verfasst.

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    • Der erste Teil der Headline lautet bekanntermaßen „Wie Apple die Medien verbiegt…“ und nicht „Wie sich die Medien wegen Apple verbiegen…“, was um einiges näher an der Wirklichkeit wäre.
      Gutjahrs scheinbare Kritik am eigenen Berufsstand dient hier also lediglich als Feigenblatt.

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  3. Ausgezeichneter Artikel, der die grenzenlose Selbstverliebtheit und Scheinheiligkeit des deutschsprachigen „Journalismus“ präzise seziert, welche sich zunehmend in der hiesigen Clickbait … ähm Bloggerszene widespiegelt.

    Und was Gutjahr betrifft, der mutiert mit diesem weinerlichen Buzzword-Elaborat endgültig zur Christiane Backer der Netzcommunity.

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  4. Was heisst denn eigentlich: teure IPhones??? Wer so dumm ist und sich ein iPhone cash zu kaufen ist selber schuld. Man braucht doch eh einen Provider. Ich habe über meinen Provider z.B. das iPhone 5 für 45 EUR + 1 EUR x 24 Monate bekommen, nach Vertragsschluss bleibt das iPhone in meinem Besitz und man kann es mit anderen Abietern nutzen und hat insgesamt mal gerade 285,- EUR bezahlt! Teuer? Wie bitte? Wenn irgendwelche Freaks unbedingt sofort am ersten Tag im Apple Store das neuste Model cash kaufen wollen, selber schuld!

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